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Tourismus auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Am Strand von Canggu wird morgens gesurft und dann im Café gearbeitet.
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Wem gehört Bali? - Wie digitale Nomaden eine Insel verändern

Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Canggu ist ein Sehnsuchtsort für digitale Nomaden aus aller Welt. Aber der Boom verändert Bali rasant – und sorgt zunehmend für Konflikte mit Einheimischen.

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Bauboom statt Reisfelder

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Canggu (dpa) - Schon kurz nach Sonnenaufgang tragen Dutzende Surfer ihre Bretter zum Strand von Canggu. Zwei Stunden später klappern in den Cafés des balinesischen Küstenortes die ersten Tastaturen. Auf den Tischen stehen Flat White und Smoothie Bowls, daneben Laptops und Tablets - mit freiem Blick aufs blaue Meer. Programmierer schreiben Code, Designer entwerfen Logos, Influencer schneiden ihre neuesten Videos. 

Canggu liegt an der Südwestküste Balis - und ist der wohl beliebteste Hotspot für digitale Nomaden auf der indonesischen Insel. Zwischen hippen Lokalen, Yogastudios und Coworking Spaces ist aber vom einstigen Fischerdorf heute kaum noch etwas zu erkennen. Überall wird gebaut: Kräne ragen in den Himmel, Bagger fressen sich durch die Erde - und mit jedem neuen Bauprojekt verschwinden weitere Reisfelder.

Die zunehmende Zahl von Langzeitgästen vor allem aus Europa, Russland und Australien sorgt inzwischen für immer mehr Unmut bei den Einheimischen. «Alles hat sich in den letzten Jahren verändert, und das macht uns manchmal sehr traurig», sagt die Hotelangestellte Giri. «Unsere Natur, die typischen Landschaften verschwinden, weil fast alles Land an reiche Investoren verkauft wird.» Dann beginnt sie zu weinen.

 Wem gehört Bali?

Wer heute durch Canggu spaziert, kann sich zwischen all dem Beton kaum noch vorstellen, wie der Ort früher einmal aussah. Der Wandel begann schleichend und nahm dann vor gut zehn Jahren rasant an Fahrt auf. Aus dem charmanten Fischerdorf mit seinen schmalen Wegen wurde innerhalb weniger Jahre einer der bekanntesten Hotspots für digitale Nomaden weltweit - samt Verkehrschaos, Lärmbelästigung, Müllmassen und Bauboom. 

Leicht bekleidete Ausländer auf gemieteten Rollern, ohne Helm, dafür aber mit Surfbrett unter dem Arm oder Hund auf dem Schoß - solche Szenen gehören mittlerweile zum typischen Straßenbild. Und haben den Ärger vieler Balinesen weiter angeheizt. Schon 2023 sah sich Gouverneur Wayan Koster gezwungen, einen offiziellen Verhaltenskodex für internationale Gäste zu veröffentlichen - vom respektvollen Verhalten in Tempeln bis zur Helmpflicht auf dem Motorroller.

Die Frage, wem Bali eigentlich gehört, wird auf der Insel seit einiger Zeit lauter. Immer häufiger entsteht der Eindruck, dass Expats - dauerhaft auf der Insel lebende Ausländer - eigene Netzwerke, Treffpunkte und Geschäftsmodelle aufbauen, in denen Balinesen mitunter nur noch eine Nebenrolle spielen. Erst im Juli brach ein Sturm der Entrüstung über zwei Niederländer herein - so heftig, dass die Behörden kurzerhand die Reißleine zogen.

Was war passiert?

Die beiden Männer hatten in Canggu eine internationale Laufgruppe namens Entourage Bali gegründet, die über soziale Medien schnell zahlreiche Mitglieder anzog. Unter anderem wurden «Silent Disco Runs» organisiert, bei denen Teilnehmer mit Kopfhörern durch die Straßen joggten.

Dann aber berichtete eine Indonesierin, sie habe sich in der Gruppe nicht anmelden können, während ihr ausländischer Ehemann problemlos akzeptiert worden sei. Das traf bei der Bevölkerung einen empfindlichen Nerv. Es entzündete sich eine heftige Debatte, die auch international Schlagzeilen machte.

Die Folge: Die beiden niederländischen Gründer dürfen wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Einwanderungsbestimmungen und des Vorwurfs der Diskriminierung nicht mehr nach Indonesien einreisen. Die Männer hätten ohne entsprechende Genehmigung Veranstaltungen organisiert, die nach Ansicht der Behörden faktisch nur Ausländern offenstanden, hieß es. «Es darf aber keinen Staat im Staate geben», betonte der Generaldirektor der Einwanderungsbehörde, Hendarsam Marantoko.

Insel mit einzigartiger Kultur

Aber warum eigentlich Bali? Was lockt so viele Reisende an? Die Antwort liegt in einer Mischung, die weltweit ihresgleichen sucht: tropisches Klima, vergleichsweise niedrige Lebenshaltungskosten, eine große internationale Gemeinschaft und eine Infrastruktur, die wie geschaffen scheint für Menschen, die nur einen Laptop und eine Internetverbindung zum Arbeiten brauchen. Hinzu kommen die einzigartige hinduistisch geprägte Kultur der Insel, bunte Tempelzeremonien und die herzliche Gastfreundschaft vieler Balinesen. 

Und die wollen die Ausländer auch gar nicht vertreiben. Der Tourismus ist seit Jahrzehnten eine der wichtigsten Einnahmequellen der Insel. Manche digitale Nomaden engagieren sich auch in Umweltprojekten und lernen Indonesisch. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen diejenigen, die sich dauerhaft niederlassen, ohne sich für die Kultur und die Regeln ihres Gastlandes zu interessieren.

Warnung vor Ausländer-Enklaven

Die Kontroverse um die Laufgruppe hat deshalb einen Nerv getroffen. Für viele Balinesen ging es nie nur um eine Laufgruppe, sondern um die grundsätzliche Frage, ob es eine Parallelgesellschaft auf Bali geben darf - und wie viel Veränderung die Insel überhaupt noch verkraften kann. Das gilt nicht nur für Canggu, sondern auch für andere beliebte Orte wie Ubud und Uluwatu.

Die Regionalregierung müsse endlich schärfer durchgreifen, wenn Ausländer die Regeln und Traditionen missachteten, fordert die Tourismusanalystin Hilda Ansariah Sabri. Gleichzeitig warnt sie davor, reine Expat-Enklaven entstehen zu lassen, die langfristig Einheimische vom Arbeitsmarkt und aus ihren Wohngebieten verdrängen könnten. 

Explodierende Immobilienpreise

«Es bringt wenig, hohe Deviseneinnahmen zu erzielen, wenn die Menschen vor Ort kein friedliches Leben mehr führen können», sagt auch der Tourismusprofessor I Putu Anom von der örtlichen Udayana-Universität. Vor allem die explodierenden Grundstücks- und Immobilienpreise machen es vielen Balinesen zunehmend unmöglich, in ihrer eigenen Heimat noch ein Haus zu bauen oder zu kaufen. 

Immer mehr Familien verpachten oder verkaufen deshalb ihr Land an wohlhabende Investoren. Und sie fragen sich gleichzeitig, wie Bali seinen einzigartigen Charakter bewahren soll, wenn ausgerechnet jene Menschen an den Rand gedrängt werden, die die Kultur der Insel seit Generationen lebendig halten. Die Hotelangestellte Giri ist längst nicht mehr die Einzige, die um ihre Heimat weint.

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© dpa-infocom, dpa:260810-930-507126/1
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Baustelle in Canggu auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Immer mehr Reisfelder müssen in Canggu dem Bauboom weichen.
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Digitale Nomaden auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
In den meisten Cafés in Canggu sitzen Remote Worker vor ihren Laptops.
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Digitale Nomaden auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Arbeiten mit Blick aufs Meer: Canggu lockt mit guter Infrastruktur und Ständen.
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Surfen auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Surfen am Morgen, dann den Laptop aufklappen - so sieht der Tag vieler digitaler Nomaden aus.
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Surfen auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Surfen bei Sonnenaufgang - einer der Vorteile für Menschen, die mobil in Canggu arbeiten.
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Digitale Nomaden auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Viele digitale Nomaden arbeiten in Canggu in solchen hippen Cafés.
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Digitale Nomaden auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Coworking Spaces, Gyms, Wellness: Canggu hat sich ganz auf digitale Nomaden eingestellt.
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Massentourismus auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Viele Balinesen müssen ihr Land mittlerweile verpachten.
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Verkehr auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
Ständige Staus sind nur einer der negativen Aspekte des Booms.
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Baustelle auf Bali
© Carola Frentzen/dpa
In Canggu wird an allen Ecken und Enden gebaut.
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Balinesin bereitet in einem Tempel eine Zeremonie vor
© Carola Frentzen/dpa
Die Balinesen sind für ihre einzigartige Kultur bekannt. (Archivbild)
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